Bremen – Von Ute

Schalz-Laurenze. Angekündigt waren vier Klavierkonzerte von Johann Sebastian Bach: das wäre ungemein attraktiv in jeder Hinsicht gewesen. Einmal hätte es einen Einblick in die Entwicklung der neuen, soeben von Bach erfundenen Gattung erlaubt, zum anderen hätte es besser gezeigt, wie der Franzose David Fray, der landauf-, landab „Shootingstar oder „Topstar“ genannt wird, den „aufregendsten Bach seit Jahrzehnten“ spielt (so formulierte es ein Kollege). Es blieben zwei Konzerte, die anderen Stücke waren aus den eigenen Reihen gespielte zwei berühmten Violinkonzerte (tadellos gekonnt von Daniel Sepec) und eine explosive Sinfonie des sechs Jahre nach Bachs Tod ästhetisch rebellierenden Sohnes Carl Philipp Emmanuel Bach. – Von Ute Schalz-Laurenze.

Ich werde es nie verstehen, was aus fleißigen Hochbegabungen, von denen es viele gibt, auf einmal – meist über Nacht – einen „Shooting-Star“ macht. Den Künstlern schadet es meist, in dieser Art und Weise gehandelt zu werden: Welche Erwartungen sind die Folge und wie wird man ihnen gerecht? Es ist wirklich faszinierend zu hören, wie der 1981 geborene Fray jegliches dogmatische Denken über Bach verweigert. Und da gab und gibt es ja einiges, seit über dreißig Jahren. Das meiste ist auch berechtigt und immer wieder eine Auseinandersetzung wert. Fray schert das alles nicht: Er spielt Bach so, wie er ihn fühlt und das ist eine aufregende, auch romantische Welt. Sein singendes Spiel hat wenig zu tun mit der Artikulation von musikalischen Figuren als vielmehr mit dem Erzählen einer Geschichte.

Die Basis ist eine überragende Genauigkeit mit dem Orchester, die fast vergessen lässt, dass ein Steinway-Flügel nach wie vor ein Fremdkörper für diese Musik ist. Sein Ohr hat Fray immer im Orchester. Dann schießen bei ihm aus zum Teil überpedalisierten Abgründen wilde Figuren hervor. Er schafft eine Klangwelt, in der es ein Richtig oder Falsch nicht mehr gibt und man muss zugeben, dass die Musik von Bach das verträgt.

Seine viel diskutierte technische Haltung befremdet schon, wenn er in den langsamen Sätzen sich anlehnt, wenn er so gekrümmt dasitzt wie einst Glenn Gould, den er gar nicht mag, oder wenn seine Knie die Tastatur zu tragen scheinen.